Tag Archive: Sturm

St. Peter-Ording

Ein Wochenende frische Luft schnappen war sehr schön…

Sturmfahrt



Die Angelegenheit hat sich vor einigen Jahren ereignet und ist aus der Erinnerung geschrieben, es mag angehen, dass einige geographische oder zeitliche Angaben nicht haargenau stimmen.

Es war der Sommer der Ost-Orkane, das Jahr in dem viele Yachten ihr Leben in Häfen wie Wendtorf und Damp vorzeitig aushauchten.

Peng, mit dem eigenartigen Geräusch gleitender Stahlseile wickelte sich ein Draht neben mir auf das Deck. Ich war gerade nach vorn gegangen um zu reffen, da die Besegelung unseres Bootes diesem Wetter nicht mehr gewachsen war.

Ein Blick in den Mast sagte mir, dass es gar nicht gut aussieht. Ein Jumpstag war gebrochen, es gab Wind aus Ost, so um die 6, auffrischend und in Lee lag der Als Sten, 0,5 m flach.

Ein kurzer Einschub für alle, die kein Jumpstag kennen, es hat eine ähnliche Funktion wie ein Backstag, auf alten Schiffen mit Holzmasten und Kuttertakelung findet man es sehr häufig, es stützt den Mast gegen den Druck des Vorstags. Für alle, denen das gar nichts sagt: es ist nicht schön, wenn so was kaputt geht.

Also erstmal alle Segel weg und überlegen, wie weiter. Zu diesem Zeitpunkt musste ich mich schon mit Gewalt an der Ankerwinsch festkrallen um die Fock einzufangen.

In bestem gesundheitlichen Zustand waren wir beide nicht, wir hatten uns in Assens eine Woche lang von Hotdogs und Tuborg ernährt und wenig geschlafen. Erst in Assens erfuhr ich von Thorsten, warum er so unbedingt in diesen sonst ja eher schlichten Hafen wollte: Er hatte auf einer vorherigen Tour in dem Jahr dort ein Frau kennen gelernt und musste unbedingt noch einen ordentlichen Abschied vornehmen. Sie war Kellnerin, das Bier umsonst und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

Nur hatten wir Jan zugesagt, ihn morgen in Damp abzuholen, und was heißt es schon, dass 5-6 bft. aus Ost angesagt sind, wenn man einen schwedischen Spitzgatter aus Eiche zwar nicht sein Eigen nennt, so aber doch benutzt.

Also los, so um zehn war es wohl, Groß und Fock und Klüver, 4-5 bft, halber Wind, das ging richtig ab. Um nach ein paar Meilen etwas anzuluven, den Klüver weg, soweit so gut. Nur wieso reicht das nicht? Der Wind war denn doch unauffällig mehr geworden, das wirkte mehr wie echte 6, also noch ein Tick höher ran, Groß gefiert, und beim Fall loswerfen so ungefähr fällt dann dieses Jumpstag runter.

Und nun?

Segel weg, wie gesagt, mit der Nase in den Wind zeigt sich ein nicht ganz unerheblicher Seegang zwischenzeitlich. Wir waren keine Statiker, nur bestand Einigkeit darüber, dass mit dem Mast nicht mehr zu segeln war. Also vorsichtig mal unter Motor in die richtige Richtung gedreht. Die Wellen von der Seite machten diesem wunderbaren Schiff überhaupt nichts aus. Leider war es wegen seiner Bauart, der Motor war wesentlich später eingebaut worden, unter Maschine nicht sehr schnell. Aber wir hatten ja Zeit, dachten wir.

Zu dieser Zeit waren wir mitten im kleinen Belt, der Wind wurde mehr. Uns hätte auffallen können, dass alle anderen Boote um uns herum so langsam nach Luv verschwanden. Tat es aber nicht. Erst als wirklich alle weg waren und fast jede Welle oben weiß war, fragten wir uns, ob es nicht besser wäre, so etwas wie einen Nothafen zu suchen. Wir hatten mittlerweile alle Schotten zugemacht, das wirkte etwas unheimlich hier draußen. Unter Deck waren auch die Karten, das Echolot und der Decca-Navigator. Aus der Erinnerung kamen wir auf Fynshav und Mommark. Beide in Lee. Und wie zum Hohn hatte die Yacht in ihrer letzten Ausgabe eine wunderbare Fotostrecke über einen verrückten Amerikaner gebracht, der bei richtig schwerer Grundsee aus einem Hafen auslaufen wollte, wenn ich mich richtig erinnere hat sein zwölf Meter langes Boot einen rückwärtigen Überschlag gemacht. Naja, auch ohne diesen Artikel wäre ich nicht nach Mommark gefahren, man muss da wirklich sehr weit unter Land, um in den Hafen zu kommen. Und Fynshav sagte uns beiden nichts.

Und jetzt darf der unbedarfte Leser einmal herzhaft lachen, wir fragten uns, was da eigentlich in Luv ist. Fünen irgendwie und Aero und noch ein paar kleine andere Inseln. Wir waren einfach nie da gewesen, waren immer Kiel, Sonderburg, Assens und dann eben weiter gefahren.

Eigentlich war zu dieser Zeit ja auch noch immer alles in Ordnung, wenn Wind und See so blieben, würde schon alles gut gehen.

Der beherzte Elbsegler glaubt ja nun nicht wirklich daran, dass es in der Ostsee auch so etwas wie Strom gibt, gut, vielleicht ein bisschen, aber wirklich einrechnen? Auf jeden Fall kamen wir weit schlechter voran, als erwartet. Als wir Gammel Pöl, die äußere Ecke von Kegnäs querab hatten, war es dunkel.

Langsam hatten wir keine Lust mehr. Nach Sonderburg? Ohne Kartenhilfe, ohne beleuchtete Tonnen? In die Schlei? Gleiches Problem. Also weiter Richtung Damp.

Das Wetter wurde nun richtig gemein, der Wind wurde mehr, erste Brecher zeigten sich, nur was sollten wir machen. Reden taten wir beide nicht mehr, seit Stunden hatte ich mich an die Pinne gekrallt und mich irgendwie mit der anderen Hand an dem Süllrand festgeklammert, Thorsten in Lee hatte es etwas gemütlicher, sah aber auch nicht wirklich zufrieden aus.

Als der erste Brecher einstieg, fragte ich mich, ob es Sinn machen könnte, dass Boot einfach an Land zu setzen, ich denke eine Reaktion auf das stundenlange, entnervende Nichtvorankommen.

Weitere Brecher folgten, stiegen ein und weichten uns durch. Kurz vor Damp haben wir dann noch einen Kugelfender überfahren, was sollte der da? Waren wir zu dicht unter Land?

Damp lag wie im Lehrbuch auf Legerwall, 8 bft. , die wievielte Welle eingestiegen war, kann ich nicht mehr sagen. War es da wirklich so gut, in diesen Hafen zu wollen?

In der Eckernförder Förde hätte es keine Abdeckung zum Ankern gegeben, also blieb nur Kiel als Alternative. Aber wie lange reichte der Diesel noch, ganz unabhängig von der Frage wie es der Maschine ging, die seit etlichen Stunden lief.

Wir waren tausendmal nach Damp gefahren, na ja fast. Es gibt eine breite Einfahrt begrenzt durch zwei befeuerte Steinmohlenköpfe und ein links neben die Einfahrt auf den Strand gesetztes Museumsschiff.

Das Bild war bei diesem Einlaufen anders: Die Molen waren weg, es gab nur weiße Gischt und der Museumsdampfer schimmerte zwischen den beiden Leuchtfeuern durch die Nacht und wir hatten schon eingedreht die See nun von achtern.

Wohl im letzten Moment habe ich abgedreht und war einmal mehr glücklich, so ein Boot zu haben, wie lammfromm drehte es die Nase gegen die Brecher. Dies war der Moment, zu dem ich Thorsten die Pinne in die Hand drückte: “Mach Du, ich kriege das nicht hin.“ Ein weiterer Anlauf weiter von Süden mit dem Gefühl mit einem Kajak einen Gebirgsbach herunterzufahren, brachte uns sicher in den Hafen. Ich bekam meine Pinne wieder und habe so sicher wie nie zuvor und auch danach nicht einen Langkieler rückwärts in eine Box gefahren.

Die Reparatur des Stags in den nächsten Tagen zeigte, dass hier jemand einen Messingschäkel für das stehende Gut verwendet hatte!

Aus Fehlern lernen? Die Liste ist lang.

Jan, der am nächsten Tag zu uns stieß, konnte überhaupt nicht verstehen, das
s wir einen Hafentag einlegen wollten.

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